Zum Inhalt springen

Politisches Ghostwriting: Reputationsfalle KI

Prominente Politiker haben KI-Texte in Umlauf gebracht. Während die mediale Öffentlichkeit lebhaft und durchaus differenziert debattiert, wiegeln viele Kommunikationsprofis ab. Eigenartig, immerhin geht es um Qualität und Glaubwürdigkeit der demokratischen Sprache.

Ein Ministerpräsident lässt Reden und Gastartikel per KI generieren, und auch ein Bundesminister setzt maschinell gestütztes Gedankengut in die Welt. Alles halb so wild?

Viele Kommunikationsprofis springen in der momentanen Debatte dem Team Wildberger bei. Schon qua Amt sei Deutschlands oberster Digitalpolitiker zur KI-Nutzung verpflichtet. Man möge doch endlich begreifen, dass der Einsatz von Sprachmodellen auch in diesem Metier längst üblich und Ausdruck von Fortschrittlichkeit sei. Generative KI sei gekommen, um benutzt zu werden, auch von politischen Ghostwritern. Ohnehin hätten Menschen in Spitzenpositionen sich bei Reden und Texten schon immer zuarbeiten lassen. Wozu also die Aufregung?

Nicht mit Ruhm bekleckert

Ich verstehe den Impuls, die Empörung herunterkochen zu wollen. Gleichzeitig missfällt mir, wie die Diskussion von Teilen meiner Zunft verzerrt wird. So zu tun, als richte die mediale Kritik sich pauschal gegen jeglichen KI-Einsatz, ist nicht redlich. Auch wenn PR-Leute davon ablenken möchten, indem sie behaupten, wir hätten es schlicht mit einer rückständigen Moraldebatte zu tun: Die journalistischen Aufdeckungen behandeln im Kern eine legitime Frage, nämlich die nach der Güte der in Staatskanzleien und Ministerbüros entstandenen KI-Texte. Und wer wollte bestreiten, dass die in den Medien zitierten Sätze wahrlich keine Glanzleistungen sind?

Wer rhetorischen Kitsch und erratische Redepassagen unters Volk bringt, weil er allzu sorglos die KI hat machen lassen, muss Angriffe aushalten. Das gilt allemal für Persönlichkeiten in privilegierten Funktionen der Demokratie, deren Apparate sicherlich mit ausreichend Intellekt und Ressourcen ausgestattet sind. Erinnert sei bei der Gelegenheit an Walter Scheel. Der Altbundespräsident nannte die Zuarbeitenden, die er für die Entwicklung wichtiger Reden stets um sich scharte, die „Gruppe Geist und Wort“.

Respekt vor der Aufgabe

Und nun? Wie weiter? Haken wir die verunfallten Botschaften der Regierenden einfach ab? Ich schreibe als Freiberuflerin selbst gelegentlich für politische Amtsträger. Meine Haltung ist: Ob wir nun mit KI oder ohne ans Werk gehen: Wortarbeit für Menschen in demokratischer Verantwortung verdient unser ganzes Können und unsere volle menschliche Aufmerksamkeit. Ohne die Sache überhöhen zu wollen: Beauftragungen aus dieser Sphäre begegne ich mit einem gewissen staatsbürgerlichen Respekt. 

Meine Erwartung an mich selbst: beim Redenschreiben nicht nachlässig werden, keine halben Sachen abliefern; sondern Manuskripte, die qualitativ über jeden Verdacht erhaben sind. Das sind wir unserem Berufsstand und der Demokratie schuldig.


Beitragsmotiv: Louis Moeller (1855–1930), „A Discussion“, via Wikimedia Commons


Nicola Karnick war angestellte Kommunikationsberaterin und Redenschreiberin und arbeitet heute als freischaffende Autorin und Ghostwriterin in Hamburg. Sie schreibt im Auftrag Dritter aus Wirtschaft, Kultur und Politik – und unter eigenem Namen auf diesem Blog. Ihre Beobachtungen zur Entwicklung von Sprache und Diskursen in Gesellschaft und Arbeitswelt teilt sie auch auf LinkedIn und via Substack.


ZURÜCK ZUM BLOG

Mit Gewinn gelesen? Gerne weitersagen.

Kommentare sind geschlossen, aber Trackbacks und Pingbacks sind möglich.