Zum Inhalt springen

Let’s Slop: Eine Wortgeschichte

Sprache ist ungemein beweglich. Viele Vokabeln wechseln im Laufe der Zeit ihre Bedeutung. Manche haben ein Vorleben, das kaum noch jemand kennt – so auch der Slop.

Kritik an generativer KI kommt selten ohne das Wort Slop aus. Der Begriff ist dermaßen präsent in der Debatte, dass der US-Wörterbuchverlag Merriam Webster ihn zum „Wort des Jahres 2025“ kürte.

Slop, heute Etikett für minderwertige KI-Inhalte, hat eine interessante Reise hinter sich: Ursprünglich bezeichnete das Wort das, was wir im Deutschen wohl Schmodder nennen würden; später steht es für so etwas wie Plörre oder Fraß, und schließlich für Schund jeglicher Art.

Ein Kapitel in der Geschichte des Wortes bleibt bislang weitgehend unbeachtet: Vor ungefähr zwei Generationen erlebte Slop schon einmal einen Boom, allerdings in ganz anderem Zusammenhang. Die Menschen verstanden darunter einen sogenannten Modetanz.

Landung in Westdeutschland

Aus den USA herübergeschwappt, wo die afroamerikanische Jugendkultur Philadelphias den Tanz schon eine Dekade zuvor populär gemacht hatte, macht der Slop Anfang der 1960er-Jahre anscheinend zunächst in Frankreich und dann auch in Deutschland Karriere.

Zu den frühen Belegen zählt ein Beitrag des Hessischen Rundfunks von 1963. Der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband (ADTV) hatte in Frankfurt am Main der Presse die neuesten internationalen Tanztrends präsentiert – darunter den Slop.

„Sehr rhythmisch und sehr lustig“, urteilte die Hessenschau in ihrer Ausgabe vom 7. Juni 1963 über den Tanz. Das Archivschätzchen „Vorführung der neuesten Modetänze in Frankfurt“ aus der Reihe hr retro wird in der ARD Mediathek bewahrt. (Aus rechtlichen Gründen ist eine Einbettung hier nicht möglich, aber ein Klick lohnt sich.)

Hitmaschine Slop

Der Song „Let’s Slop“, zu dem sich die Damen und Herren in dem Fernsehbeitrag so adrett bewegen, wurde in jenem Sommer zum Hit. Er stammt vom Schlagersänger Mike Roger und seiner Begleitband „The Machine Guns“, die damals mit der Single die deutschen Top-Ten stürmten.

Bei der einen Nummer blieb es nicht. Der Nürnberger „Slop-König“ (bürgerlich Hermann Glöckler) veröffentlichte weitere Aufnahmen mit so einfallsreichen Titeln wie „Why Don’t You Slop With Me“, „I Wanna Slop“ oder „We’ll Do the Two-Slop“. Zu dieser Zeit muss der aus Amerika importierte Slop eine den Deutschen sehr vertraute Vokabel gewesen sein.

Tanzstunde für die Republik

Die PR-Arbeit des ADTV zeigte derweil offenbar Wirkung. Deutschlands Twens wollen lernen, wie man sich zu Slop-Musik bewegt. In einer Folge der vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) produzierten und äußerst beliebten Tanzshow „Gestatten Sie? Ein Tanzunterricht mit dem Ehepaar Fern“ versuchen Helga und Ernst Fern, der Fernsehnation die Schrittfolgen beizubringen.

Das Zeitdokument (das in Wirklichkeit schon 1964 entstand) hat jemand bei YouTube konserviert. Die betuliche Steifheit, mit der damals im Studio zu Livemusik der Media Band des WDR-Funkhausorchesters gesloppt wurde – urkomisch!

In die Knie gegangen

In den Quellen gut zu sehen: Der Slop war ein Paartanz ohne Körperkontakt. Man wippte einander zugewandt, berührte sich aber nicht. War das ein Grund, warum dem Slop nur eine kurze Blütezeit beschieden war? Oder war er einfach zu simpel gestrickt?

So schnell, wie er aufkam, verschwand der Tanz jedenfalls wieder. 1966 widmete sich das Ehepaar Fern in seinem nun „Tanzparty“ genannten Fernsehkurs noch einmal dem Slop. Andere Tanz-Moden kamen auf, der Slop geriet in Vergessenheit – und mit ihm auch das Wort.

Mediale Konjunktur des Begriffs Slop: Schlägt die Kurve bald wieder aus? (Quelle: DWDS)

Come and go

60 Jahre später ist der Slop wieder da. Er verschlämmt Kanäle und flutet Kommunikations- und Kulturdebatten zu KI. Noch hat der DUDEN die Neudeutung nicht berücksichtigt und führt unter Slop weiterhin nur den „Modetanz im ²⁄₄-Takt“. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) verweist in seiner Web-Version bereits auf die bedeutungsverwandten Ausdrücke der Gegenwart.

Slop wird uns noch eine Weile belästigen. Doch in seiner Wortgeschichte schwingt eine Hoffnung mit: Vielleicht lässt er irgendwann von uns ab – so wie der Tanz, der einst einen Hype auslöste und dann in der Versenkung verschwand.


Nicola Karnick war angestellte Kommunikationsberaterin und Redenschreiberin und arbeitet heute als freischaffende Autorin und Ghostwriterin in Hamburg. Sie schreibt im Auftrag Dritter aus Wirtschaft, Kultur und Politik – und unter eigenem Namen auf diesem Blog. Ihre Beobachtungen zur Entwicklung von Sprache und Diskursen in Gesellschaft und Arbeitswelt teilt sie auch auf LinkedIn und via Substack.


ZURÜCK ZUM BLOG

Mit Gewinn gelesen? Gerne weitersagen.

Kommentare sind geschlossen, aber Trackbacks und Pingbacks sind möglich.