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KI-Wasserzeichen: Hoffnung und neues Unbehagen

KI-generierte Texte bekommen einen maschinellen Herkunftsnachweis. Bringt uns diese Technokratie weiter? Erlöst sie uns vom Slop? Oder entzweit sie uns nur noch mehr?

Texte, die vom Sprachmodell „Claude“ produziert oder bearbeitet wurden, tragen jetzt ein unsichtbares Wasserzeichen. Es markiert die maschinelle Beteiligung an dem Werk. Anthropic kommt damit der Transparenzpflicht nach, die der Europäische AI Act allen KI-Anbietern auferlegt.

Wenn ich es richtig verstehe, werden die Hinweise sprachlich verankert, indem bei der Wortwahl absichtlich rechnerische Unwuchten erzeugt werden; subtile Abweichungen, die laut Anthropic die Textqualität nicht beeinträchtigen, die aber statistisch auffällig genug sind, um eine KI-Spur zu hinterlassen.

Die Maschine verzerrt also ihre eigene Logik, um den gesetzlichen Anforderungen nach Transparenz Genüge zu tun? Heißt diese Mathematik Unwahrscheinlichkeitsberechnung? Oder wie nennt man das? Ich kann mir nicht helfen: Auf mich wirkt das Ganze wie ein technologischer Treppenwitz.

Geplagt von KI-Slop

Und doch verschafft mir das Wasserzeichen eine gewisse Genugtuung. Die Schwemme schematischer Texte, die ein sorgloser KI-Gebrauch über uns gebracht hat, deprimiert mich nämlich bis ins Mark. Wann immer mir einer dieser Beiträge ohne jede eigene Handschrift in die Quere kommt, fühle ich Verdruss, Kulturpessimismus hoch zehn, manchmal sogar Aggression. Ja, es gab auch schon früher schlechte Texte. Aber nicht in dieser Masse und bizarren Uniformität. KI-Slop ist eine Plage. Vielleicht werden wir dank der Stempelpflicht künftig weniger davon sehen? Das wäre ein Fortschritt.

Allerdings frohlockt nur ein Teil in mir. Der andere seufzt: Bitter, was für eine monströse Technokratie nun rund um die kulturelle Errungenschaft des Schreibens errichtet wird. Text, dieses wunderbare, humane Medium der Kommunikation, hat durch die Ungewissheit über seine Autorschaft an Integrität verloren. Misstrauen liegt wie Mehltau über allem Geschriebenen. Ich fürchte, die KI-Regulierung verstärkt den Argwohn noch. Wir begegnen Texten nicht mehr unbefangen.

Maschinen auf Abstand halten

Mindestens genauso schmerzlich ist, dass die Verunsicherung ungeniert ausgebeutet wird. Erst hat man die Nutzer in die KI-Abhängigkeit gelockt. Nun wiegelt man uns gegeneinander auf. Stunde um Stunde, Tag um Tag verbringen wir mit dem Zwist um KI. Immer neue detektivische Tools halten das Spektakel am Laufen. Tech-Konzerne und Social-Media-Plattformen wie LinkedIn reiben sich die Hände. 

Wie entkommen wir diesem Schlamassel? Was muss passieren, damit wir Texte wieder unbeschwert lesen und genießen können?

Mir fällt nur eine Antwort ein: weiterhin und ganz bewusst aus uns selbst schöpfen, die Freude am eigenhändigen Schreiben lebendig und die Unfrieden stiftenden Maschinen auf Abstand halten. Damit das Publikum sich erinnert, wie synthetikfreie Texte klingen und was sie auslösen können. 

Vielleicht finden wir so zurück zu einer kreativen, im besten Sinne unberechenbaren Freiheit im Kopf und an der Tastatur. Und bestimmt bringen wir dann auch wieder Stücke in die Welt, in denen es (pardon!) nicht ständig um KI geht. Ich wünsche uns das sehr.


Beitragsmotiv: „Zeitung lesende Frau“ der schwedischen Malerin Hanna Pauli, geb. Hirsch (1864 – 1940), via Wikimedia Commons


Nicola Karnick war angestellte Kommunikationsberaterin und Redenschreiberin und arbeitet heute als freischaffende Autorin und Ghostwriterin in Hamburg. Sie schreibt im Auftrag Dritter aus Wirtschaft, Kultur und Politik – und unter eigenem Namen auf diesem Blog. Ihre Beobachtungen zur Entwicklung von Sprache und Diskursen in Gesellschaft und Arbeitswelt teilt sie auch auf LinkedIn und via Substack.


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