Schreiben ist Aneignung. Stehen kann ich nur zu Texten, die ich mir einverleibt habe. Generative KI liefert keine innere Verbundenheit. Das ist ein Manko, auch in der Auftragsarbeit.
In einem Text, den ich auf herkömmliche Weise geschrieben habe, ist mir jede Ecke, jeder Winkel vertraut. Alle Wörter und Sätze haben meine Hirnwindungen zigfach durchlaufen. Ich kenne den Post oder Blogbeitrag in- und auswendig. Jedenfalls kann ich das für die ersten Tage behaupten, nachdem ich ihn in die Welt gesetzt habe.
Vom Wesentlichen entkoppelt
Überlasse ich den Entwurf der KI, fehlt dieses Zusammengehörigkeitsgefühl. Was das Sprachmodell auf meine Anweisung hin auswirft, mag brauchbar klingen. Doch ich bin diesem Text nur lose und ungenügend verbunden. Ich schreibe ihn mir nicht zu.
Wie auch? Es fehlt all das, was üblicherweise zwischen mir und dem Text die Beziehung knüpft. Etwa das befriedigende Gefühl, das sich einstellt, wenn Passagen leicht von der Hand gehen. Wenn Denken und Niederschreiben organisch ineinandergreifen oder ein Gedankengang auf Anhieb sitzt.
Zerpflückt und neu sortiert
Noch mehr schweißen aber die Stellen zusammen, die steinig gewesen sind. Wo ich erst auf Umwegen zum Ziel gekommen bin, kenne ich mich im Text besonders gut aus. Ich weiß, welche Abschnitte ich gefühlt hundertmal zerpflückt und neu sortiert habe. Ich kann mühelos die Überlegungen abrufen, die mich zu einer bestimmten Argumentation oder Formulierung haben greifen lassen.
Das Vor und Zurück, das Finden und wieder Verwerfen, bis da schließlich etwas steht, das reif zur Veröffentlichung ist — von alledem weiß ich, weil es mein Geschriebenes und nicht das einer Maschine ist.
Es bleibt dabei: Ich muss eins sein mit meinem Text, um ihn vor mir selbst und vor meinen Auftraggebern vertreten zu können.
Bildausschnitt: Édouard Manet, Vase mit weißem Flieder und Rosen (1883) via Wikimedia Commons
Nicola Karnick war angestellte Kommunikationsberaterin und Redenschreiberin und arbeitet heute als freischaffende Autorin und Ghostwriterin in Hamburg. Sie schreibt im Auftrag Dritter aus Wirtschaft, Kultur und Politik – und unter eigenem Namen auf diesem Blog. Ihre Beobachtungen zur Entwicklung von Sprache und Diskursen in Gesellschaft und Arbeitswelt teilt sie auch auf LinkedIn und via Substack.

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