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Verblühte Wörter

Wir nutzen lediglich einen Bruchteil des Wortschatzes. Schade eigentlich. Denn so verschwinden nicht nur immer mehr Begriffe aus dem kollektiven Gedächtnis. Auch unsere Texte, Reden und Präsentationen bleiben unter ihren Möglichkeiten. Ein Plädoyer für den Gebrauch seltener Wörter und mehr sprachliche Fantasie in der Geschäftskommunikation.  

Als ich kürzlich im Kundenauftrag ein Interview führte, wurde ich beschenkt. Mein Gesprächspartner, ein eigenwilliger, eloquenter Mensch, brachte einen Begriff zu mir zurück, den ich überhaupt nicht mehr auf dem Schirm hatte: das deutsche splendid. Der Ausdruck steht für „freigiebig und großzügig“, kann aber auch „kostbar und prächtig“ meinen. Splendid, mit Betonung wohlgemerkt auf der letzten Silbe. Ich war entzückt, dieses Adjektiv wiederzuentdecken, das sich in unserem Alltag ansonsten ziemlich rarmacht. Was für ein vornehmes und elegant funkelndes Wort. Und wie bedauerlich, dass es nur noch so selten zu hören und zu lesen ist. (Abgesehen vielleicht von der aus dem Englischen stammenden politischen Wendung „Splendid Isolation“, die man dieser Tage gelegentlich im Zusammenhang mit dem Brexit liest.)

Der Blick in die Onlineausgabe des Duden bestätigt, dass das bildungssprachliche splendid ein sogenanntes „veraltendes“ Adjektiv ist. Wörtern mit diesem Etikett droht die Ausmusterung. Sie gehören „nicht mehr zur allgemein benutzten Gegenwartssprache“, sondern werden „meist von der älteren Generation“ verwendet, heißt es in den Hinweisen zum Gebrauch des Nachschlagewerks. Was uns vermutlich so viel sagen soll wie: Achtung, dieses Wort entbehrt jeder Jugendlichkeit! Es macht Ihr Schreiben hoffnungslos altertümlich.

Erlösung aus dem Einerlei

Wandelt sich die Welt, verändert sich immer auch unsere Sprache, klar. Wir wollen schließlich auf der Höhe der Zeit sein, wenn wir uns anderen mitteilen. Gerade auf den digitalen Kanälen sollen unsere Worte möglichst modern und ja nicht gestrig daherkommen. Und dem SEO-Diktat haben sie sich meist auch zu beugen.

Trotzdem: Es lohnt sich, hin und wieder auch angejahrten Begriffen eine Chance zu geben. Dass man sie selten hört, muss kein Stigma sein, im Gegenteil. Denn sind es nicht gerade diese ausgefallenen, nicht mehr ganz so geläufigen Wörter, die einem Text die besondere Note geben? Die ihn irgendwie anders, ja charmanter klingen lassen als die im üblichen Jargon verfassten Beiträge?

Ich jedenfalls erfreue mich an jedem Begriff, der ein klein wenig aus der Reihe tanzt – und das gilt ausdrücklich auch für geschäftliche Kommunikationsanlässe. Begegnet mir in einer Kunden-Mail, einem LinkedIn-Post oder auf einer PowerPoint-Folie an passender Stelle ein originelles Wort, eine selten gelesene Wendung oder gar eine, die ich im Wörterbuch nachschlagen muss, hat der Urheber oder die Urheberin bei mir sofort einen Stein im Brett. Warum? Weil mein Gegenüber mich damit aus dem sprachlichen Einerlei erlöst. Weil eine einfallsreiche Wortwahl ansteckend wirkt. Und nicht zuletzt, weil da jemand mit Traute getextet hat.

Eine Prise Anarchie

Denn eine gewisse Courage gehört schon dazu, mit unmodischen Wörtern zu hantieren. Sie werden vermutlich in kaum einem Business-Schreibtraining dazu ermuntert, aus der Zeit gefallene Formulierungen zu verwenden. Im Gegenteil, man wird Ihnen solche Extravaganzen als leserunfreundlich ankreiden. Aber ist ein Text wirklich schlechter, wenn er sich auch unkonventioneller Vokabeln bedient?

Wie so oft im Leben kommt es auf die Dosis an. Natürlich sollen Sie aus Ihrer Jobkommunikation kein Reservat für aussterbende Wörter machen; wir sind ja schließlich im Büro und nicht im Feuilleton. Doch dann und wann darf auch in nüchternen Geschäftstexten, Fachvorträgen oder Projektsteckbriefen eine sprachliche Rarität aufblitzen.

Machen Sie es wie das „Handelsblatt“. Im Porträt eines prominenten Automobilmanagers überraschte die Finanzzeitung mit dem eigentlich längst ausrangierten Ausdruck contre cœur. Einer Metapher, die laut Duden allenfalls noch für literarische Texte taugt. Warum eigentlich? Das aus dem Französischen entliehene Sprachbild transportiert doch wunderbar anschaulich, dass jemand etwas nur äußerst ungern und sehr widerstrebend – nämlich „gegen sein Herz“ – tut. Und ab und zu gibt es solche emotionalen Momente eben auch im rationalen Wirtschaftsleben.

Anstiftung zum Ungehorsam

Wörter vor dem Verblassen zu bewahren, das geht vielerorts im Berufsalltag. Nur zwei Anregungen: Laden Sie doch bei nächster Gelegenheit nicht zu einer Besprechung oder einem Brainstorming ein. Sondern dazu, gemeinsam zu räsonieren. Ob Sie das Verb nun gebrauchen im Sinne von „sich wortreich und tiefschürfend, aber ohne konkretes Ergebnis [über etwas] äußern“ oder aber in seiner angeblich überholten Bedeutung („vernünftig reden, Schlüsse ziehen“), bleibt dabei Ihnen überlassen . . .

Und warum nicht einfach mal den inflationären Anglizismus fit durch das fast völlig in Vergessenheit geratene firm ersetzen? Auch so lässt sich ausdrücken, dass jemand beschlagen ist in einem Fachgebiet oder einen bestimmten Stoff beherrscht. Das seltene Adjektiv firm und das verbreitete Substantiv Firma haben übrigens die gleiche sprachliche Wurzel, nämlich das lateinische firmus für „fest, stark, tüchtig, zuverlässig“.

Überhaupt ist das ja das Reizvolle an sprachlichen Mauerblümchen: dass die Begegnung und Beschäftigung mit ihnen uns immer wieder neue Blickwinkel eröffnet auf den deutschen Wortschatz, seine einzigartige Fülle und nicht zuletzt seine enorme Integrationskraft. Darum: Retten auch Sie gelegentlich ein Lieblingswort vor dem Verblühen. Das macht nicht nur Ihre Kommunikation lebendiger – Sie pflegen so auch Vielfalt und Reichtum unserer gemeinsamen Sprache.


FUNDUS

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Foto: Dallas Reedy via Unsplash

Dieser Text ist zuerst erschienen bei LinkedIn Pulse.

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