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Das Haltungsgebot

Sollen Unternehmen Stellung beziehen? Oder sich besser heraushalten aus gesellschaftlichen Kontroversen? Eine ziemlich theoretische Frage. Denn die politische Wirklichkeit ragt längst in die Betriebe hinein. Es geht dabei um so Grundsätzliches wie Demokratie und Grundwerte. Werden sie angegriffen, wird die Wirtschaft sich dazu verhalten müssen.

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„Wir taten nichts und dachten uns wenig dabei.“ Auf dieses Zitat stieß ich in einer Rede, die vor einigen Wochen der Präses der Handelskammer Hamburg, Tobias Bergmann, während einer Feierstunde gehalten hat. Anlass war die Verlegung von 13 Stolpersteinen, mit denen die Institution neuerdings der Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft aus ihren eigenen Reihen gedenkt. Die zitierte Äußerung stammt aus den Erinnerungen des Hamburger Bankiers Alwin Münchmeyer, der in den 1950er Jahren der Kammer vorstand. Dessen Worte – so führt es der heutige Amtsnachfolger Bergmann in seiner aufrüttelnden Ansprache aus – beschreiben die teilnahmslose Haltung, mit der die meisten Wirtschaftsvertreter damals der Enteignung jüdischer Geschäftskollegen begegneten.

„Wir taten nichts und dachten uns wenig dabei“

„Wir taten nichts und dachten uns wenig dabei.“ Was für ein Satz. Dieses Eingeständnis des Versagens der hanseatischen Kaufmannschaft während der NS-Diktatur legt den Finger in die größte Wunde unserer Geschichte. Zugleich schwebt es wie ein Menetekel über dem gegenwärtigen Deutschland, so jedenfalls empfinde ich es. Auf öffentlichen Plätzen erklingen nationalistische und Hassparolen, völkisches Gedankengut wird wieder ungeniert zur Schau getragen. Was tun wir dagegen, dass die finsterste Vergangenheit dieses Landes sich nicht wiederholt? Sind wir laut und sichtbar und eindeutig genug in unserer Absage an die braunen Wiedergänger? Besorgt und wachsam sollten wir sein. Als Bürgerinnen und Bürger – und als PR- und Kommunikationsprofis. Populismus, Demokratie- und Medienverachtung machen schließlich nicht vor Werkstoren und Büroaufzügen halt. Sie fassen auch in den Unternehmen Fuß, deren Belegschaften ein Abbild der Gesellschaft sind.

Kontroverse dringt in Unternehmen vor

Das offenbarte sich, als im Frühjahr in vielen deutschen Unternehmen über die Besetzung der Betriebsräte abgestimmt wurde. Die Wahlen sorgten für Nervosität. Der Grund: Figuren aus dem rechten Spektrum haben die Arbeitnehmervertretungen als Agitationsplattform für sich entdeckt. Im Windschatten des Einzugs der AfD-Partei in die Parlamente wittern sie Morgenluft und streben nun auch in die Mitarbeitervertretungen. Zwar blieben die Erfolge der Rechten bei den Betriebsratswahlen diesmal noch überschaubar. Das Beispiel zeigt aber: Die ideologischen Konfliktlinien schieben sich mittlerweile bis in die Organisationen vor. Früher oder später werden sie damit auch zu einer Herausforderung für Unternehmenslenker und ihre PR-Teams. Denn die politische Spaltung der Gesellschaft produziert zwangsläufig Gesprächs- und Erklärungsdruck, sowohl nach innen wie nach außen.

Rhetorik-Nachhilfe gegen rechts

Es könnte ungemütlich werden für unseren Berufsstand. Eine Ahnung davon beschlich mich Anfang des Jahres bei der Lektüre der Onlineausgabe des Manager-Magazins. Die Redaktion zeigte sich ganz auf der Höhe der Zeit, indem sie CEOs kurzerhand „Sieben Instrumente gegen rechtsextreme Betriebsräte“ an die Hand gab. Die Tipps des Rechts- und Kommunikationsexperten Richard Schütze sollen Spitzenmanager für die Auseinandersetzungen im eigenen Haus strategisch und rhetorisch wappnen. Ein nützliches Stück Journalismus, das allerdings kaum ein Unternehmenskommunikator ohne mulmiges Gefühl gelesen haben dürfte. Argumentieren gegen dumpfen Nationalismus und neue Rechte: Gehört also auch das fortan zum Aufgabenkanon von Pressesprecherinnen und Vorstandsredenschreibern?

Unappetitlich: Scharfmacher in der PR

So schlimm wird es schon nicht kommen, möchte man abwinken. Aber was, wenn doch? Und um gleich noch etwas apokalyptischer zu werden: Wie umgehen mit Überzeugungstätern von Rechtsaußen in den eigenen Reihen? Nachdenklich gemacht hat mich eine Personalie, über die ich jüngst im Vorfeld der Landtagswahl in Hessen gestolpert bin. Eine Frankfurter Großbank beschäftigt einen Mann als politischen Kommunikator und Redenschreiber, der für die AfD kandidiert hat. Wie sich herausgestellt hat, mit Erfolg – inzwischen sitzt er für seine Partei im hessischen Landesparlament. Bei YouTube kann sich jeder anschauen, welche Töne dieser Branchen-Kollege anschlägt, wenn er vor seinen Parteifreunden ans Rednerpult tritt. (Auf eine Verlinkung verzichte ich bewusst.) Ich persönlich war entsetzt, als ich die Videos anklickte – und auch beschämt für unseren Berufsstand. Dass ein professioneller Wortschmied eines MDAX-Unternehmens nach Feierabend aufs Unangenehmste über Migranten, Kabinettsmitglieder, Medien und die Wissenschaft herzieht, mag ein Einzelfall sein. Verstörend ist die Causa allemal. Und sie wirft für mich auch berufsethische Fragen auf: Dürfen PR- und Kommunikationsleute in dieser Art und Weise sprechen? Welche Rhetorik ziemt sich in der Arena des Privat-Politischen und wo werden Grenzen überschritten?

Schale Gefühle und besorgte Appelle

„Seien Sie sich sicher, dass politisch engagierte Mitarbeiter bei uns keinen Einfluss auf unsere Vorstände nehmen können“, lässt mich das Social-Media-Team der Bank via Twitter wissen. Das ist im Rahmen der Möglichkeiten ein deutliches Statement. Meine Beklommenheit allerdings bleibt. Sie hat damit zu tun, dass in diesem Land etwas geschieht, was vor Jahren noch unvorstellbar erschien: die Normalisierung des Sounds von rechts, die demokratische Legitimation extremer Positionen, ihr Vorrücken in unsere Arbeitswirklichkeit und Nachbarschaft. Soll man all das achselzuckend zur Kenntnis nehmen? Und einfach hoffen, dass unsere Gesellschaft widerstandsfähig genug ist, mit diesen rückwärtsgewandten Kräften fertigzuwerden? Die Frage wird jeder von uns für sich selbst beantworten müssen, in seinem Reden und in seinem Handeln.

Und die Unternehmen? Meiner Einschätzung nach kommen sie heute gar nicht umhin, sich zu den politischen Verwerfungen in diesem Land auch kommunikativ zu verhalten. Denn wie die eben geschilderten Beispiele zeigen: Der ungute Geist, das gefährlich gestrige Denken, die menschenverachtenden Parolen, sie lassen sich nicht mehr ausklammern aus den Sphären der Geschäftswelt. „Wir sind bunt nicht braun. Hass und Intoleranz haben in Wirtschaft und Gesellschaft nichts zu suchen“, beschwor wohl auch deshalb BDI-Präsident Dieter Kempf in seiner Rede zum diesjährigen Tag der Deutschen Industrie die anwesenden Firmenvertreter.

Geschichte als kommunikativer Auftrag

Wir sehen inzwischen viele Unternehmen und Marken, die aus Sorge um unsere Demokratie, die freiheitliche Gesellschaft und natürlich auch das eigene Geschäft und den Betriebsfrieden in diese Appelle einstimmen. Ich finde das richtig. Denn die Wirtschaft ist keine Insel und auch kein neutraler Apparat – jedenfalls dann nicht, wenn es um die Grundfesten unseres Gemeinwesens und Zusammenlebens geht. Wo an unseren verfassungsgegebenen Werten gerüttelt wird, wo Mitmenschen herabgesetzt oder einer Knebelung unabhängiger Medien das Wort geredet wird, da sollen Wirtschaftsorganisationen laut und deutlich ihre Stimme erheben. Das gilt vor allem dann, wenn sie in ihren Leitbildern oder Mission-Statements als Verteidiger einer offenen und pluralen Gesellschaft auftreten. Papier ist geduldig; nun können die Unternehmen den Beweis antreten, dass es ihnen auch wirklich ernst damit ist.

Es macht mich zuversichtlich, dass sich gerade auch in meiner, der Generation der „Kriegsenkel“, etliche Kolleginnen und Kollegen zu einer Kommunikation der klaren Haltung bekennen. Viele von uns spüren die Bürde der deutschen Geschichte und die besondere Verantwortung, die daraus erwächst. Uns ist etwas aufgetragen, als Privatmenschen, aber auch als Beraterinnen, Sprecher oder Schreiberinnen im Dienste der Wirtschaft. Zur rechten Zeit dürfen wir nicht schweigen. Damit wir – um auf die Rede von Hamburgs Handelskammer-Chef Tobias Bergmann zurückzukommen – uns selbst eines nie werden vorwerfen müssen: „Wir taten nichts und dachten uns wenig dabei.“


Dieser Text ist mein Beitrag zur Blogparade Kommunikation mit Haltung aus dem Jahr 2018, zu der dankenswerterweise Meike Leopold eingeladen hatte. Die Initiatorin hat alle eingereichten Blogparaden-Texte in einer lesenswerten Revue zusammengefasst.


Foto: Davide Ragusa via Unsplash

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Ein Kommentar

  1. […] Für Nicola Karnick stellt sich diese Frage nicht wirklich. Sie beleuchtet das Thema in einem unbeha…: „Wir taten nichts und dachten uns wenig dabei. Dieses Eingeständnis des Versagens der hanseatischen Kaufmannschaft während der NS-Diktatur legt den Finger in die größte Wunde unserer Geschichte. Zugleich schwebt es wie ein Menetekel über dem gegenwärtigen Deutschland“, so Karnick. „Denn die politische Wirklichkeit ragt längst in die Betriebe hinein. Es geht dabei um so Grundsätzliches wie Demokratie und Grundwerte. Werden sie angegriffen, wird die Wirtschaft sich dazu verhalten müssen.“ […]

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