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„Die Sensibilität für faire Sprache steigt“

Das Bedürfnis, Vielfalt sprachlich sichtbar zu machen, wächst. Nicht nur in Verwaltungen, sondern vermehrt auch in der Wirtschaft werden neue Herangehens- und Schreibweisen erprobt. Das Start-up Fairlanguage begleitet Organisationen auf diesem Weg. Von Firmengründer Michael Martens wollte ich wissen, aus welchem Antrieb heraus Unternehmen sich mit sogenannter gendergerechter Sprache beschäftigen und wie er und seine Beratungskolleg*innen dabei unterstützen.


Nicola Karnick: Die Idee einer geschlechtergerechten Sprache polarisiert. Selbst besonnene Zeitgenoss*innen reagieren geradezu allergisch, sobald es um Vorstöße zu inklusivem Schreiben geht, so meine Erfahrung. Warum kochen die Emotionen bei dem Thema derartig hoch?

Michael Martens: Geschlechtersensible Sprache ist in der Tat ein sehr aufgeladenes Thema. Das hat sicherlich damit zu tun, dass das eigene Geschlecht etwas absolut Identitätsstiftendes ist. Viele Menschen empfinden es als sehr intim, wenn dieser Aspekt ihrer Persönlichkeit in irgendeiner Form angegangen wird. Häufig sind ihre Reaktionen gar nicht böse gemeint, sondern eher einer Unwissenheit geschuldet. Außerhalb der „Bubble“, die sich schon länger mit gendergerechter Sprache und auch ihren wissenschaftlichen Grundlagen befasst, ist den Leuten oft nicht klar, warum das Konzept überhaupt sinnvoll sein soll. Erschwerend kommt hinzu, dass die mediale Diskussion oft noch sehr ideologisch geführt wird – von den Gegner*innen, aber auch von manchen Befürworter*innen.

Neben dem Geschlecht ist ja auch Sprache etwas höchst Individuelles. Fühlen sich Kritiker*innen der geschlechtergerechten Sprache ihrer vertrauten Muster beraubt?

Zur Einordnung hilft es vielleicht, sich das einmal auf Meta-Ebene anzuschauen: Für eine Person, die bestimmte Privilegien genießt, kann Gleichberechtigung sich so anfühlen, als ob man ihr etwas wegnimmt. Aus der Perspektive eines Mannes gesprochen: Haben Frauen plötzlich beruflich gleichwertige Chancen und werden sie in Meetings genauso gehört wie ich, dann fühle ich mich unter Umständen benachteiligt. Obwohl ja nicht ich als Mann etwas verliere, sondern vielmehr mein weibliches Gegenüber etwas dazugewinnt. Der Transformations- und Diversity-Berater Robert Franken hat das einmal sehr anschaulich in einem Artikel erklärt.

Wobei sich beim Stichwort geschlechtergerechte Sprache viele Frauen genauso abwehrend verhalten wie Männer. 

Auch das ist ein spannender Mechanismus. Wenn du als Frau in einem System, das dich qua Geschlecht benachteiligt, erfolgreich bist, dann hast du ein Gefälle überwunden. Du darfst davon ausgehen, dass andere deine Leistung gerade deshalb besonders positiv wahrnehmen, nach dem Motto: „Sie hat es trotz alledem geschafft!“ Wird dieses Gefälle durch Gleichstellung abgebaut – und darum geht es ja letztlich bei gendergerechter Sprache – kratzt das bei einigen Frauen eventuell am Selbstwertgefühl. Da spielt dann, wahrscheinlich unterbewusst, die Sorge rein, die Leute könnten plötzlich denken: „Das hat sie ja gar nicht aus eigener Kraft erreicht, sondern nur, weil sie eine Frau ist.“

Aller reflexhaften Aufregung zum Trotz habe ich den Eindruck, dass die Debatte sich zaghaft öffnet. Mehr Menschen zeigen sich aufgeschlossener gegenüber sprachlichem Gendern. Trifft das auch auf Unternehmen zu?

Ich beobachte, dass die Sensibilität für faire Sprache steigt. Oder um es im Marketing-Sprech zu verorten: Derzeit befinden wir uns in einem Early-Adopter-Stadium. Die meisten Unternehmen sind zwar noch zurückhaltend. Und längst nicht alle wissen, dass man sich dazu auch professionelles Know-how an Bord holen kann. Aber es gibt durchaus Organisationen, die anfangen, tiefer in das Thema einzutauchen.

„Aktuell ist es noch ein Statement, wenn ein Unternehmen Vielfalt sprachlich sichtbar macht.“

Das hat natürlich auch mit der gesetzlichen Einführung des zusätzlichen positiven Geschlechtseintrags „divers“, auch dritte Option genannt, zu tun – also der neuen Möglichkeit, sich offiziell einem Geschlecht, das nicht männlich oder weiblich ist, zuzuordnen. Dadurch bewegt sich in den Firmen und auch unter den Beschäftigen derzeit so einiges. Es geht im weitesten Sinne um die Frage, inwieweit ich mich als Mitarbeiter*in nicht nur mit meinen beruflichen Qualitäten, sondern auch mit meiner geschlechtlichen Identität im Unternehmen zeigen kann, ohne Nachteile befürchten zu müssen. Oder kürzer gesagt darum, wie akzeptiert Vielfalt tatsächlich schon ist.

Das heißt, Unternehmen senden mit gendergerechter Sprache einen Code in den Bewerber*innenmarkt, eine Art politisches Signal?

Auf jeden Fall. Aktuell ist es sicherlich noch kein Mainstream, sondern ein Statement, wenn ein Unternehmen Vielfalt sprachlich sichtbar macht. Gerade in Zeiten wie diesen, wo wir in Teilen der Gesellschaft einen konservativen Rollback oder sogar einen Rechtsruck erleben, machen sich progressive Arbeitgebermarken Gedanken: Wie gewinnen wir die jungen Leute, die sich von diesen Entwicklungen bewusst abgrenzen wollen? Mit welcher Ansprache werden wir für solche Talente attraktiv, die in einem offenen und inklusiven Umfeld arbeiten möchten? Wie differenzieren wir uns im Markt?

Ein Beispiel aus dem Gesundheitswesen: Als der Vorstand des Berliner Klinikums Charité letztes Jahr verkündete, es sei okay, im dienstlichen Schriftverkehr und in Ausschreibungen auch das Gendersternchen zu benutzen, hatte das eine enorme Wirkung. Rückendeckung von ganz oben für geschlechtergerechte oder geschlechterneutrale Sprache – das ist derzeit noch eine Positionierung, weil es eben nicht die Norm ist.

Demnach ist sprachliches Gendern aus dem Employer-Branding heraus getrieben?

Ja, der Fachkräftemangel rückt das Thema Geschlechter-Balance und damit auch den Einsatz von Sprache stärker ins Blickfeld. Nicht wenige Unternehmen, die auf uns zukommen, haben echte Schwierigkeiten, Frauen für ihre offenen Stellen zu interessieren. Zu unseren Kund*innen zählt beispielsweise die TÜV Nord Group, eine sehr technische Organisation mit einem bislang stereotypen, männlich geprägten Image. Hier ging es tatsächlich darum, in einem ersten Schritt die Karriere-Inhalte so zu verändern, dass sich auch weibliche Qualifizierte angesprochen fühlen.

Hat bei Projekten zur sprachlichen Vielfalt in der Regel HR den Hut auf?

In vielen Fällen haben wir es mit Personal- und Diversity-Verantwortlichen zu tun. Oder mit den Kommunikations- und Presseabteilungen. Interessanterweise haben wir aber auch schon erlebt, dass die Nachfrage aus dem Bereich Sales kam.

Der Vertrieb beschäftigt sich mit gendergerechter Sprache? Warum das?

Es handelt sich in dem Fall um ein großes Beratungshaus, das in Sachen digitale Transformation vor allem im öffentlichen Sektor unterwegs ist. Sie haben festgestellt: Es sind immer häufiger Frauen, die da auf der anderen Seite des Tisches in den Behörden sitzen. Weibliche Führungskräfte, die Verantwortung tragen, Projekte leiten und Entscheidungen treffen. Die Firma hat gemerkt: Wenn wir – um das Klischee zu strapazieren – immer nur mit weißen Ü40-Männern als Berater dort aufkreuzen, „klickt“ das Ganze halt nicht mehr so richtig.

Anfangs geht es darum, überhaupt eine Haltung zu entwickeln.

Dem Unternehmen schwante: Hier lauert geschäftlich eine echte Gefahr. Wir müssen gegensteuern und brauchen dringend mehr Frauen im Team, damit uns die Beratungsaufträge nicht irgendwann wegbrechen. Das Bemerkenswerte: In so einer Gemengelage mit wirtschaftlichem Druck ist dann plötzlich Budget da, um sich ernsthaft mit geschlechtersensibler Sprache zu beschäftigen.

Welche Branchen sind Vorreiter beim Thema gendergerechte Kommunikation?

Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Tendenziell sind technik-orientierte Firmen in der Hinsicht etwas fortschrittlicher. Aber meiner Einschätzung nach hängt es weniger vom Wirtschaftszweig ab, sondern eher davon, wie ein Unternehmen geführt wird und welches Mindset dort herrscht. Was mich erstaunt: dass die Medien noch recht zurückhaltend sind, obwohl Text ihr Terrain ist und Journalist*innen dort eigentlich gut mit geschlechtersensibler Sprache experimentieren könnten.

Wie geht ihr vor, wenn ein Unternehmen sich mit eurer Hilfe aufs Spielfeld der gendergerechten Sprache begeben möchte?

Das ist ganz unterschiedlich und hängt vom jeweiligen Bedürfnis ab. Manchmal werden wir zunächst für einen Impuls engagiert, einen ausführlicheren Gedankenaustausch. Man sucht das Gespräch mit uns, um das Thema erst einmal im eigenen Haus zu platzieren. Andere Unternehmen fragen gleich einen Workshop an. In der Regel starten wir dann mit den Grundlagen: Was ist überhaupt Geschlecht? Welche Rolle spielt es? Wie wirken Identität und Sprache zusammen? Warum kann es für eine Organisation wichtig und lohnend sein, geschlechterbewusst zu formulieren? Anfangs geht es darum, Wissen zu vermitteln und als Unternehmen überhaupt eine Haltung zu dem ganzen Komplex zu entwickeln.

Und wenn eine Firma sich entscheidet, tatsächlich an ihrer Sprache zu arbeiten?

Dann folgt in einem nächsten Schritt die Umsetzung: Was heißt sprachliche Vielfalt für unser Unternehmen? An welcher Stelle sollten wir unsere Kommunikation verändern? Welche Regeln wollen wir uns auferlegen – oder auch nicht? Hier können wir die Firmen mit Trainings, Leitfäden, unserem integrativen Beratungsprozess und auch mit eigenen digitalen Tools unterstützen.

Was sind das genau für Werkzeuge?

Wir haben verschiedene Programme entwickelt, die beim geschlechtersensiblen Schreiben begleiten und Autor*innen direkt im Text Formulierungsvorschläge unterbreiten. Dazu gehören unter anderem eine Web-Anwendung und eine Browser-Erweiterung für Google-Chrome, die in der Basis-Version übrigens jede*r auf unserer Webseite kostenlos nutzen und herunterladen kann. Wenn Unternehmen oder Behörden in großem Stil damit arbeiten möchten, lassen sich unsere Tools in deren eigene Infrastrukturen integrieren und inhaltlich individuell anpassen.

Welche Schreibweise empfehlt ihr, wenn zum Beispiel eine Berufsbezeichnung alle Geschlechter einschließen soll?

Wir raten zum Sternchen oder dem Unterstrich. Das sind klassische Varianten, die unserer Erfahrung nach gut funktionieren und Vielfalt sichtbar machen. Das grammatische Neutralisieren kann auch eine geeignete und noch dazu rechtlich wasserdichte Strategie sein. Also zum Beispiel in einer Stellenanzeige nicht nach einem oder einer Berater*in suchen, sondern nach einem Menschen für die Beratung. Als Unternehmen willst du ja schließlich die Funktion besetzen, das Geschlecht soll eigentlich gar keine Rolle spielen.

Sprache immer wieder neu und kreativ verhandeln.

Spannend ist übrigens das Thema Anreden. Noch halten die meisten Institutionen in ihrer Standard-Kommunikation an der Konvention „Herr“ und „Frau“ fest. Dabei wäre es sprachlich neutral, inklusiv und auch technisch viel einfacher, wenn man das Geschlechtsmerkmal weglassen und die Leute einfach mit einem „Guten Tag“ oder „Hallo“ und ihrem Vor- und Nachnamen anschreiben würde. Oder im Norden auch gerne mit „Moin“.

Du meinst, wir werden auch diese Gepflogenheit aufgeben?

Unsere Sprache ist immer im Wandel. Auch in diesem Moment, in dem wir uns miteinander unterhalten, ändert sich sie sich schon wieder. Es gibt Millionen von Menschen, die jeden Tag Gewohnheiten hinter sich lassen und sprachlich etwas noch nicht Dagewesenes schaffen. Es mag dann einen Clash zu bestehenden Regelwerken geben. Aber das ist doch gerade der spannende Punkt – dass wir Sprache immer wieder neu und kreativ verhandeln. Um die Frage zu beantworten: Ja, ich denke, dass sich diese Gepflogenheit über die Zeit ändern wird.

Eine letzte Frage: Wir veröffentlichen unser Gespräch über geschlechtergerechte Sprache zunächst bei LinkedIn. Was glaubst du, wie werden die Menschen dort auf das Thema reagieren?

Ich denke, viele werden positiv reagieren, aber es wird natürlich auch Kritiker*innen geben. Und das ist okay und wichtig, denn wir sollten alle Entwicklungen auch kritisch hinterfragen. Hier wünsche ich mir allerdings anstatt der gängigen Plattitüden mehr ernsthafte Diskussion, Offenheit und Fragen. Die werden dann natürlich auch sehr gerne beantwortet!


Michael Martens

hat Anfang 2018 mit einer Handvoll Mitstreiter*innen das Beratungsnetzwerk Fairlanguage gestartet, das Firmen und Behörden bei der Umsetzung inklusiver Sprache unterstützt. Zur Kundschaft des Start-ups zählen Unternehmen wie Siemens, OTTO oder Boehringer Ingelheim. Im Auftrag der Stadt Kiel entwickelt Fairlanguage derzeit ein Konzept für eine gendergerechte Verwaltungssprache.


Denkanstöße und Positionen:


Welche Rolle spielt Sprache in Ihrem Geschäft? Erzählen Sie mir davon – gerne auch als mein Gesprächsgast auf diesem Blog.


Foto: Laura Briedis via Unsplash

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