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Babel

Sprache preist an, sie überzeugt und verkauft. Sprache ist ein Business. Auch meines, ich verdiene damit mein Geld. Die Wiederbegegnung mit Geflüchteten hat mich daran erinnert, was das Wort zu allererst ist.

Schule, Abitur, die Arbeit als Friseur. Zwischendurch der Wehrdienst. A. und ich tasten uns Zeile um Zeile voran. Einen Lebenslauf wollen wir an diesem Nachmittag für ihn erstellen. Er soll dem jungen Mann aus dem Iran helfen, in unserer Stadt beruflich Fuß zu fassen. Erst vor wenigen Monaten ist A. aus seinem Heimatland geflüchtet. Ein paar Brocken Deutsch beherrscht er schon; über die Stationen seines bisherigen Werdegangs können wir uns grob verständigen. Doch bei den Feinheiten wird es mühsam. „An welcher Einrichtung haben Sie die Fortbildung gemacht?“, will ich wissen. Und: „Was genau ist das für ein ‚Zeugnis‘, mit dem Sie dort abgeschlossen haben?“ Unsere Tandemarbeit vor dem Computer gerät ins Stocken. A. versteht meine Nachfragen nur bruchstückhaft, und ich so gut wie nichts von seinen Antworten. Aufs Englische können wir nicht ausweichen, das spricht A. nicht. So müssen wir den Farsi-Dolmetscher um Hilfe bitten, der glücklicherweise bei dem von der Handelskammer Hamburg organisierten Bewerbertraining mit von der Partie ist.

Elementare Erfahrung

Einen Flüchtling dabei zu unterstützen, sich auf den Jobeinstieg vorzubereiten, ist eine Premiere für mich. Meine erste Begegnung mit Asylsuchenden ist es nicht. In einer Notunterkunft habe ich zweieinhalb Jahre lang geflüchteten Frauen und Männern ehrenamtlich Deutschunterricht gegeben. Wenn ich mich damals einmal in der Woche aufmachte, um in das Containerdorf auf der anderen Seite der Stadt zu fahren, war das immer auch eine Reise zurück zum Wesenskern von Kommunikation.

In meinem Beruf habe ich es oft mit komplexen Themen und ziemlich elaborierten Texten tun. Wie kolossal anders war dagegen die Welt, die mich jeden Montagvormittag in der Flüchtlingsunterkunft erwartete. In dem spartanisch eingerichteten Unterrichtsraum ging es nicht um verkaufsträchtiges Storytelling, schöngeistige Reden oder ausgeklügelte Botschaften. Meine Muttersprache, das mir so vertraute Instrument, wurde hier plötzlich zu einer elementaren, ja existenziellen Angelegenheit. Für die Menschen aus Syrien, Afghanistan oder dem Niger, die in meine Anfängerstunden kamen, weil sie noch auf einen Platz in einem der offiziellen Integrationskurse warteten, war die fremde Sprache vor allem eines: der Schlüssel zum Leben nach dem Ankommen.

Informationen beschaffen, um Rat fragen, sich auch außerhalb des Flüchtlingsheims verständlich machen und zurechtfinden: Jeder neu erlernte Begriff, und schien er noch so banal zu sein, bedeutete für meine Schülerinnen und Schüler ein Stück mehr Unabhängigkeit in Alltagssituationen. Wenn ich vor der Klasse stand, waren Sprache und Worte kein strategisches Werkzeug, kein Wertschöpfungsbeitrag. Sie waren in diesem Moment ein Medium, das akute Grundbedürfnisse zu erfüllen hatte: zwischenmenschlichen Kontakt ermöglichen, angehört werden und sich mitteilen, die noch unbekannte Kultur begreifen.

Zuhause in Worten

Diese Erkenntnis holt mich wieder ein, als ich vergangene Woche mit A. vor dem Bildschirm sitze und wir in gemeinsamer Anstrengung seinen Lebenslauf in den Computer tippen. Der Iraner macht einen aufgeweckten Eindruck. Wird es ihm leichtfallen, unsere Sprache zu lernen? Das Friseurhandwerk ist ein Dienstleistungsberuf, ohne Kommunikation und Fachvokabular geht in diesem Metier nichts. Ganz zu schweigen vom Papierkram, der verstanden und bewältigt werden will.

In der Hansestadt hätten bereits 10.000 Geflüchtete einen Job gefunden, bilanzierte kürzlich Melanie Leonhard in einem Interview. Hamburgs Sozialsenatorin räumte zugleich ein, dass es bei der Integration in den Arbeitsmarkt oft noch an der Sprache hapere. Ich wünsche A., dass er diese Hürde nehmen und seinen Weg machen wird. Dass er sich eines Tages problemlos auf Deutsch verständigen und wieder seinem ursprünglichen Beruf nachgehen kann. Die Begegnung mit ihm lässt mich einmal mehr ahnen, was für ein ungeheurer Kraftakt es sein muss, sich eine neue Existenz in fremden Worten zu erobern. Und sie erinnert mich daran, wie dankbar ich sein sollte für das gar nicht so Selbstverständliche. Für die glückliche Fügung, mich in meinem Land und seiner Sprache sicher bewegen zu dürfen.


Foto: Korney Violin via Unsplash

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