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„Die Sprache muss bewohnt werden“

Er war ein Wortmensch par excellence. Am 15. August 2025 wäre er 70 Jahre alt geworden. Erinnerungen an Roger Willemsen.

Vor Jahren erlebte ich Roger Willemsen bei einer Lesung in einer biederen Kleinstadt im Rheingau. Seine Zugewandtheit und Menschlichkeit ließen alle Provinzialität vergessen. Der Mann war ein Sympathiebolzen und live ein Ereignis. Geistreich, hellwach und immer ein wenig atemlos erzählte er von den Merkwürdigkeiten und Deformationen des Daseins.

Und dann natürlich seine Sprachlust. Mit ihr wickelte er das Publikum sofort um den Finger. Die Sätze sprudelten nur so aus ihm heraus. Seine Freude am Denken und Versprachlichen war überwältigend. Er hatte eine unvergleichliche Gabe, mit seinem Intellekt und den Wörtern zu jonglieren.

Verbales Möbelrücken

Aus seiner Trauerrede auf den 2013 verstorbenen Kabarettisten und engen Freund Dieter Hildebrandt ist folgender Merksatz überliefert:

„Die Sprache muss ja nicht gesprochen, sie muss bewohnt werden, und wir haben also nicht uns in der Sprache, wir haben die Sprache in uns auszuprägen.“

Die Sprache bewohnen. Sie sich zu eigen machen, indem man sie mit seinen Gedanken und Empfindungen möbliert. Roger Willemsens Vorstellung ist mir als Sprachwesen sehr nahe.

Sein Wort fehlt

Was hätte er wohl zur Okkupation des Schreibens durch die KI gesagt? Wir wissen es nicht. Seine Einlassungen wären eine Bereicherung, so viel ist sicher. Klug und scharfsinnig würde er die Maschinerie kommentieren.

Es ist bedauerlich, dass wir uns ohne Roger Willemsen in der Gegenwart zurechtfinden müssen — diesen universal gebildeten und begnadeten Rhetoriker.

Es ist schön, sich am heutigen Tag wieder an ihn und sein sprachmächtiges Wirken zu erinnern.


Foto: Gil Maria Koebberling, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons (bearbeitet)


Nicola Karnick war angestellte Kommunikationsberaterin und Redenschreiberin und arbeitet heute als freischaffende Autorin und Ghostwriterin in Hamburg. Sie schreibt im Auftrag Dritter aus Wirtschaft, Kultur und Politik – und unter eigenem Namen auf diesem Blog. Ihre Beobachtungen zur Entwicklung von Sprache und Diskursen in Gesellschaft und Arbeitswelt teilt sie auch auf LinkedIn und via Substack.


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